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Freitag, 13. April 2018

Die Stadt der träumenden Bücher

Die wenigsten Menschen würden von sich aus zugeben, dass sie oberflächlich sind. Ja klar, innere Werte sind schön und gut, aber was spricht denn dagegen, dass diese nicht auch noch toll verpackt sind?
Deshalb leugne ich gar nicht erst, dass auch ich dem „Schönem“ verfallen bin. Ich himmle unerreichbare Schauspieler an (ach Eddie Redmayne...) und kaufe manchmal Bücher aufgrund ihres Einbands.
Natürlich weiß ich, dass man das nicht tun sollte, denn ein Einband (eigentlich selbst ein Klappentext) sagt rein gar nichts über den Inhalt aus, deswegen hilft nur: reinlesen (geheiligt seid ihr, oh gemütliche Buchhandlungen, ich bin unwürdig)!
Allerdings muss ich zugeben, dass ich ein Händchen für solche Spontaneinkäufe habe. Eines meiner Lieblingsbücher, den genialen Auftakt der „Silber“-Trilogie, habe ich spontan unter Zeitnot aufgrund seines sehr ansprechend gestalteten Einbandes mitgenommen. Und oh Wunder, die beste Urlaubslektüre die ich jemals gelesen habe – bis jetzt!
Das Buch, um das sich der heutige Eintrag dreht, habe ich schon vor ein paar Monaten gekauft, in einer Buchhandlung in Heilbronn. Ich wollte meinen 17. Geburtstag mit meinen liebsten Freunden feiern, und hatte einen Harry-Potter-Themen-Escape-Room für uns sechs gebucht (nur zu empfehlen!). Wir hatten noch eine gute Stunde bis zum Beginn Zeit, weshalb wir uns in unsere Lieblingsläden dort begaben: GameStop und Osiander (sagte ich schon, dass ich ein Nerd bin?). Einen neuen Osiander-Gutschein in der Tasche machte ich mich auf die Jagd nach einem neuen Buch, als ich in der Fantasyabteilung „Die Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers erblickte. Unzählige gezeichnete Bücher schmückten den Einband, und zogen mich beinahe magisch an. Das ganze Buch war von phantastischen Zeichnungen von Büchern und neuartigen Wesen die sie lasen gespickt, und der Klappentext versprach Spannung: Gefährliche Bücher, die sogar töten können!
Nachdem ich im letzten Sommer die „Die Seiten der Welt“-Trilogie von Karl Meyers durchgehört (ihr habt richtig gelesen, seit ein paar Jahren schon höre ich auch gerne Hörbucher, besonders zum Einschlafen, und diese Trilogie bewirkte so manche Sommernacht genau das Gegenteil) habe ich ein Faible für Romane in denen es um Bücher geht. Und dieser hier schien ganz nach meinem Geschmack zu sein. Als Amateur-Otaku gaben mir die fantasievollen und detaillierten Zeichnungen die mich sofort in eine andere Welt versetzten den Rest, und das Buch wurde gekauft.
Früher las ich mindestens wöchentlich zwei Bücher, in den Ferien sogar täglich, aber nun ja, die Zeiten ändern sich. Mittlerweile kann ich froh sein, wenn ich in der Schulzeit überhaupt noch zum Lesen komme (Schullektüre mal abgesehen). Außerdem fördert es nicht gerade das Leseverhalten in der Freizeit, wenn man sich in der Schule und Theater parallel mit dem „Steppenwolf“, „Faust“, „König Lear“ und der „Dreigroschenoper“ beschäftigt. Die Auswahl an Serien und Filmen ist einfach zu groß um da nein zu sagen, und die Buchdeckel für ein paar Stunden zu (ver)schließen.
In diesen Osterferien kam ich nun endlich dazu das fast 500-seitige Taschenbuch zu lesen. Doch beim Lesen blieb es nicht lange. Innerhalb weniger Tage sog ich es völlig in mich auf, und verschwand für mehrere Stunden am Tag in der wundervollen Welt die Moers erschaffen hatte.
Gleich zu Anfang warnt uns das lyrische Ich, Hildegunst von Mythenmetz, einem Dinosaurier aus Lindwurmfeste, und ein geborener Dichter, dass dieser Roman nichts für sanfte Gemüter sei. Natürlich ignorierte ich das belustigt, doch im Nachhinein würde eine Verfilmung mindestens mit FSK16 betitelt werden und wahrscheinlich ins Horrorgenre eingeordnet. Davon spürt man allerdings auf den ersten hundert Seiten noch gar nichts, die Geschichte beginnt mit unserem Autor, ein noch junger Dinosaurier von 77 Jahren, dessen Dichtpate Danzelot leider verstirbt, ihm aber noch von einem Manuskript berichten kann, welches sein Leben nachhaltig verändert hat. Nach Danzelots Tod will sich Hildegunst selber von der Macht dieses Manuskript überzeugen, und sein Dichtpate hat ihm wahrhaftig nicht zu viel versprochen, noch Tage ist er ganz berauscht von dessen Inhalt. Er beschließt den Verfasser des Manuskripts ausfindig zu machen, um zu lernen so zu schreiben wie er. Denn unser Protagonist hat selbst noch nichts veröffentlicht, was aber nur eine Frage der Zeit sein kann, schließlich liegt den Lindwürmern das Dichten im Blut, sie sind wie geschaffen dafür. Also macht sich von Mytehnmetz auf nach Buchhaim, DIE Stadt für aufstrebende Autoren, die Literaturmetropole Zamoniens, denn er ist ja noch jung, und will die Welt entdecken. So fängt die Geschichte an...

Neben Dinsauriern leben Gnome, Schrecksen, Zyklopen und alles was man sich erträumen kann (oder auch nicht) auf und unter Zamonien. Nicht alle Bewohner sind so freundlich wie es scheint, doch kann man die Welt nicht in schwarz und weiß aufteilen.
Das ist eine der bemerkenswerten Dinge an diesem Roman, die „Bösewichte“ sind mehrdimensional, und teilweise sogar nachvollziehbar. Die unzähligen Illustrationen die das Buch schmücken geben dem Leser zwar von manchen Wesen ein Bild, wie von den wirklich süßen Buchlinge, doch die aller grausigsten Geschöpfe und Orte an die es Hildegunst nicht immer ganz freiwillig verschlägt sind zwar wortreich beschrieben, doch sonst gänzlich der Fantasie überlassen, was fast noch schlimmer ist.
Zudem ist der Roman von Literaturanspielungen durchzogen, da alle Dichter, Autoren, Orte und Genre die im Roman vorkommen zwar erfunden sind, Moers allerdings oft von unserer Welt inspiriert wurde, und ich habe wahrscheinlich nur einen Bruchteil erkannt.
Der Held der Geschichte ist außerdem nicht so weit hergeholt, in dem jungen Dichter mit Schreibblockade erkennt sich wahrscheinlich nicht nur ich wieder, und obwohl er ziemlich viele Gefahren übersteht, tut er dies selten alleine, sondern meist mit Hilfe, auch wenn ihm das nicht immer so bewusst ist, was es dem Leser nur noch realistischer macht. Hildegunst ist keine Superechse, sondern jemand wie du und ich, der die große weite Welt erkunden wollte, und gar nicht weiß wie ihm geschieht.
Walter Moers ist übrigens der Erfinder von „Käptn' Blau Bär“, wofür ich ihn noch mehr bewundere. Seine anderen Bücher kommen definitiv auf meinen Stapel der Schande. „Die Stadt der träumenden Bücher“ ist übrigens auch als zweiteiliger Comic erschienen.

Auf das das Orm uns alle druchströmt!  

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