Die wenigsten Menschen würden von sich
aus zugeben, dass sie oberflächlich sind. Ja klar, innere Werte sind
schön und gut, aber was spricht denn dagegen, dass diese nicht auch
noch toll verpackt sind?
Deshalb leugne ich gar nicht erst, dass
auch ich dem „Schönem“ verfallen bin. Ich himmle unerreichbare
Schauspieler an (ach Eddie Redmayne...) und kaufe manchmal Bücher
aufgrund ihres Einbands.
Natürlich weiß ich, dass man das
nicht tun sollte, denn ein Einband (eigentlich selbst ein
Klappentext) sagt rein gar nichts über den Inhalt aus, deswegen
hilft nur: reinlesen (geheiligt seid ihr, oh gemütliche
Buchhandlungen, ich bin unwürdig)!
Allerdings muss ich zugeben, dass ich
ein Händchen für solche Spontaneinkäufe habe. Eines meiner
Lieblingsbücher, den genialen Auftakt der „Silber“-Trilogie, habe
ich spontan unter Zeitnot aufgrund seines sehr ansprechend gestalteten
Einbandes mitgenommen. Und oh Wunder, die beste Urlaubslektüre die
ich jemals gelesen habe – bis jetzt!
Das Buch, um das sich der heutige
Eintrag dreht, habe ich schon vor ein paar Monaten gekauft, in einer
Buchhandlung in Heilbronn. Ich wollte meinen 17. Geburtstag mit
meinen liebsten Freunden feiern, und hatte einen
Harry-Potter-Themen-Escape-Room für uns sechs gebucht (nur zu
empfehlen!). Wir hatten noch eine gute Stunde bis zum Beginn Zeit,
weshalb wir uns in unsere Lieblingsläden dort begaben: GameStop und
Osiander (sagte ich schon, dass ich ein Nerd bin?). Einen neuen
Osiander-Gutschein in der Tasche machte ich mich auf die Jagd nach
einem neuen Buch, als ich in der Fantasyabteilung „Die Stadt der
Träumenden Bücher“ von Walter Moers erblickte. Unzählige
gezeichnete Bücher schmückten den Einband, und zogen mich beinahe
magisch an. Das ganze Buch war von phantastischen Zeichnungen von
Büchern und neuartigen Wesen die sie lasen gespickt, und der
Klappentext versprach Spannung: Gefährliche Bücher, die sogar töten
können!
Nachdem ich im letzten Sommer die „Die
Seiten der Welt“-Trilogie von Karl Meyers durchgehört (ihr habt
richtig gelesen, seit ein paar Jahren schon höre ich auch gerne
Hörbucher, besonders zum Einschlafen, und diese Trilogie bewirkte so
manche Sommernacht genau das Gegenteil) habe ich ein Faible für
Romane in denen es um Bücher geht. Und dieser hier schien ganz nach
meinem Geschmack zu sein. Als Amateur-Otaku gaben mir die
fantasievollen und detaillierten Zeichnungen die mich sofort in eine
andere Welt versetzten den Rest, und das Buch wurde gekauft.
Früher las ich mindestens wöchentlich zwei Bücher, in den Ferien sogar täglich, aber nun ja, die Zeiten ändern sich. Mittlerweile kann ich froh sein, wenn ich
in der Schulzeit überhaupt noch zum Lesen komme (Schullektüre mal
abgesehen). Außerdem fördert es nicht gerade das Leseverhalten in
der Freizeit, wenn man sich in der Schule und Theater parallel mit
dem „Steppenwolf“, „Faust“, „König Lear“ und der
„Dreigroschenoper“ beschäftigt. Die Auswahl an Serien und Filmen
ist einfach zu groß um da nein zu sagen, und die Buchdeckel für ein
paar Stunden zu (ver)schließen.
In diesen Osterferien kam ich nun
endlich dazu das fast 500-seitige Taschenbuch zu lesen. Doch beim
Lesen blieb es nicht lange. Innerhalb weniger Tage sog ich es völlig
in mich auf, und verschwand für mehrere Stunden am Tag in der
wundervollen Welt die Moers erschaffen hatte.
Gleich zu Anfang warnt uns das lyrische
Ich, Hildegunst von Mythenmetz, einem Dinosaurier aus Lindwurmfeste,
und ein geborener Dichter, dass dieser Roman nichts für sanfte
Gemüter sei. Natürlich ignorierte ich das belustigt, doch im
Nachhinein würde eine Verfilmung mindestens mit FSK16 betitelt
werden und wahrscheinlich ins Horrorgenre eingeordnet. Davon spürt
man allerdings auf den ersten hundert Seiten noch gar nichts, die
Geschichte beginnt mit unserem Autor, ein noch junger Dinosaurier von
77 Jahren, dessen Dichtpate Danzelot leider verstirbt, ihm aber noch
von einem Manuskript berichten kann, welches sein Leben nachhaltig
verändert hat. Nach Danzelots Tod will sich Hildegunst selber von
der Macht dieses Manuskript überzeugen, und sein Dichtpate hat ihm
wahrhaftig nicht zu viel versprochen, noch Tage ist er ganz berauscht
von dessen Inhalt. Er beschließt den Verfasser des
Manuskripts ausfindig zu machen, um zu lernen so zu schreiben wie er.
Denn unser Protagonist hat selbst noch nichts veröffentlicht, was
aber nur eine Frage der Zeit sein kann, schließlich liegt den
Lindwürmern das Dichten im Blut, sie sind wie geschaffen dafür.
Also macht sich von Mytehnmetz auf nach Buchhaim, DIE Stadt für
aufstrebende Autoren, die Literaturmetropole Zamoniens, denn er ist
ja noch jung, und will die Welt entdecken. So fängt die Geschichte
an...
Neben Dinsauriern leben Gnome,
Schrecksen, Zyklopen und alles was man sich erträumen kann (oder
auch nicht) auf und unter Zamonien. Nicht alle Bewohner sind so
freundlich wie es scheint, doch kann man die Welt nicht in schwarz
und weiß aufteilen.
Das ist eine der bemerkenswerten Dinge
an diesem Roman, die „Bösewichte“ sind mehrdimensional, und
teilweise sogar nachvollziehbar. Die unzähligen Illustrationen die
das Buch schmücken geben dem Leser zwar von manchen Wesen ein Bild,
wie von den wirklich süßen Buchlinge, doch die aller grausigsten
Geschöpfe und Orte an die es Hildegunst nicht immer ganz freiwillig
verschlägt sind zwar wortreich beschrieben, doch sonst gänzlich der
Fantasie überlassen, was fast noch schlimmer ist.
Zudem ist der Roman von Literaturanspielungen durchzogen, da alle Dichter, Autoren, Orte und Genre die im Roman vorkommen zwar
erfunden sind, Moers allerdings oft von unserer Welt inspiriert
wurde, und ich habe wahrscheinlich nur einen Bruchteil erkannt.
Der Held der Geschichte ist außerdem
nicht so weit hergeholt, in dem jungen Dichter mit Schreibblockade
erkennt sich wahrscheinlich nicht nur ich wieder, und obwohl er
ziemlich viele Gefahren übersteht, tut er dies selten alleine,
sondern meist mit Hilfe, auch wenn ihm das nicht immer so bewusst
ist, was es dem Leser nur noch realistischer macht. Hildegunst ist
keine Superechse, sondern jemand wie du und ich, der die große weite
Welt erkunden wollte, und gar nicht weiß wie ihm geschieht.
Walter Moers ist übrigens der Erfinder
von „Käptn' Blau Bär“, wofür ich ihn noch mehr bewundere.
Seine anderen Bücher kommen definitiv auf meinen Stapel der Schande.
„Die Stadt der träumenden Bücher“ ist übrigens auch als
zweiteiliger Comic erschienen.
Auf das das Orm uns alle druchströmt!